Bakterien als Dickmacher

Wer übergewichtig ist, so ein gängiges Vorurteil, der ist willensschwach, kann sich beim Essen nicht zusammenreißen und ist obendrein zu faul sich zu bewegen. Aber: Wie kommt es dann, dass viele Übergewichtige ihre Ernährung umstellen, sogar Sport treiben und trotzdem nicht schlank werden? Oder das Gegenteil: Menschen können so viel essen wie sie wollen und nehmen einfach nicht zu. Irgendetwas scheint mit unserer einfachen Betrachtungsweise vom ‚dick werden‘ zumindest nicht so einfach zu stimmen. Und tatsächlich: Wissenschaftler in den USA sind auf eine Spur gestoßen, die unsere Vorstellungen vom Zu- und Abnehmen komplett über den Haufen wirft. Unsere bisherigen Vorstellungen davon, wie der Körper die Nahrung verwertet, ist sehr vereinfacht gewesen. Es stellt sich immer mehr heraus, dass die Bakterien beim Prozess der Verdauung eine sehr wichtige Rolle spielen. Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass die Bakterienart der ‚Firmicuten‘ besonders häufig in der Darmflora von Übergewichtigen anzutreffen ist.

In unserem Organismus hat der Darm ganz allgemein die Funktion der Verdauung und Resorption (Aufnahme) von Nahrung. Er stellt zudem eine ‚Barriere‘ zwischen Innen- und Außenwelt dar. Wir können ihn uns als nach innen gekehrte (Schleim-)Haut vorstellen, die uns u. a. vor ‚Eindringlingen’ schützen soll. Die unseren Verdauungstrakt durchwandernden Nahrungsstoffe werden im Verlauf dieser Passage auf die Größe molekularer Teilchen aufgespalten. Komplexe Mechanismen in der Darmschleimhaut sorgen anschließend für die Aufnahme der Nährstoffe.

Etwa 70-80% unseres Immunsystems befinden sich im Darm. Diese Zellen gehören unserer körpereigenen Abwehr an, ähnlich der Lymphknoten oder der Mandeln. Aber die Darmbarriere, genannt ‚Mukosablock’ ist weit mehr. Grundlage der Barriere ist eine intakte Darmschleimhaut, die Fremdstoffen aus der Ingesta (gesamter Nahrungsbrei) sowie Bakterien oder kleinsten Bestandteilen aus der Nahrung gegenüber eine Grenze darstellt. Direkt auf der Schleimhaut befindet sich die dort ansässige Darmflora, eingebettet in Schleim und Antikörper.


Mikrobiologie des Darms
Ein erwachsener Mensch beherbergt etwa 1011–1015 bakterielle Keime in seinem Darm. Das sind ungefähr 700 g seines Körpergewichtes. Die starke Keimbesiedlung besteht nicht von Geburt an, sondern baut sich im Laufe eines Lebens auf. Die Art der Zusammensetzung der Darmflora unterliegt verschiedensten Faktoren. Die bakterielle Zusammensetzung unterscheidet sich bereits dadurch, ob ein Kind gestillt wurde oder nicht. Der Zustand der Darmflora kann weiterhin beeinflusst werden durch krasse Fehlernährung, Funktionsstörungen der Verdauungsorgane bis hin zu medikamentösen Therapien, wie der Gabe von Schmerzmitteln oder Antibiotika. Eine intakte Darmflora trägt maßgeblich zur Barrierefunktion des Darmes bei. Eine Einschränkung dieser Barriere, durch z. B. häufige Gaben eines Antibiotikums oder einer Strahlentherapie, führen zu bekannten Symptomen wie Durchfällen, Verstopfung und vielseitigen Verdauungsbeschwerden. Somit kann man sich leicht vorstellen, dass eine geschädigte Darmschleimhaut wie auch eine ,gestörte‘ Darmflora ihren bestimmungsgemäßen Funktionen der Resorption (Stoffaufnahme)/Sekretion (Stoffabgabe) und der Barrierebildung nicht mehr in ausreichendem Maße nachkommen kann. Innerhalb der komplementären Medizin wird ein geschädigtes Darmmilieu für Allergien, individuelle Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Migräne uvm. mitverantwortlich gemacht.

Ballaststoffe und Firmicuten
Firmicuten zeichnen sich durch eine besondere Eigenschaft aus: Sie können Ballaststoffe viel besser verdauen als andere Bakterien. Firmicuten zerlegen Ballaststoffe in kleinere Bausteine (Zucker und Fettsäuren), aus denen der Körper Fett aufbaut. Ballaststoffe, die praktisch in allen pflanzlichen Nahrungsmitteln enthalten sind, werden vor dem Hintergrund von ‚Firmicuten‘ im Darm zu Kalorienbomben. So gesehen sind Nahrungsmittel, die mit Ballaststoffen angereichert sind, im Rahmen einer Gewichtsreduktion, als fragwürdig einzustufen. Als Hilfe für die Verdauung und fürs Abnehmen angepriesen, können sie genau die gegenteilige Wirkung haben.

Fazit: Der Zusammenhang zwischen Darmflora und Übergewicht sollte nicht dazu verleiten, das vernünftige Essen zu vernachlässigen! Es gibt Hinweise, dass eine ausgewogene Ernährung sogar davor schützt, dass die Firmicuten, die die Fettleibigkeit fördern, im Darm die Oberhand gewinnen. Die Studienlage, dass sich eine mikrobiologische Therapie (Symbioselenkung, ‚Darmaufbau’) positiv auf Darm, Immunsystem, Stoffwechsel und Verdauung auswirkt, ist recht vielversprechend. Die laborchemische Untersuchung auf Firmicuten im Darm ist nicht erstattungsfähig (wird nicht von den Krankenkassen getragen) und muss somit von Betroffenen selber getragen werden.


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