Sind wir alle verpilzt?

Noch vor ca. zehn Jahren propagierten viele Anhänger der Naturheilkunde, dass wir alle voller Pilze sitzen und diese zu mannigfaltigen Krankheitssymptomen unseres Körpers führen. Auch heute noch wird kontrovers diskutiert, ob der Nachweis von Pilzen im Darm mit dem Auftreten von Beschwerden zusammenhängt. Die Ansichten gehen von ‚Es gibt keine Darmmykose’ bis hin zu strikten Ernährungsempfehlungen und Diäten beim Nachweis von Pilzen im Darm.

Was man weiß:
Pilze findet man bei 70 % aller gesunden Erwachsenen im Darm. Mit der Nahrung werden regelmäßig Pilzsporen aufgenommen, die sich im Rahmen einer Untersuchung als Pilze im Stuhl nachweisen ließen. Die eigentlichen Fragen, die sich daraus ergeben, wenn wir alle sowieso Pilze mit der Nahrung aufnehmen, sind doch:
• Verursachen die aufgenommenen Pilze grundsätzlich Beschwerden? 
• Macht der generelle Nachweis von Pilzen Sinn, wenn wir sowieso häufig Pilze im Darm haben? 
• Ist es notwendig bei positivem Pilznachweis therapeutische Maßnahmen einzuleiten?

Dies muss man sicherlich verneinen. Die Beseitigung von Pilzen im Darm ist nur bei klarer Indikation angezeigt. Bei infrage kommenden Pilzen handelt es sich vorwiegend um Vertreter der Gattung ‚Candida’. So lange die standortspezifische Darmflora und damit die Barriere unseres Darmes intakt ist, haben die Pilze keine schädigende Wirkung. 


Candida Infektionen treten dann auf, wenn:
• es bereits im Vorfeld zu Störungen des Immunsystems im Darm, der bakteriellen Flora und damit der Darmbarriere gekommen ist
• sich Änderungen der Pilzeigenschaften einstellen (Für Fachkreise: Veränderung der Genexpression vormals kommensaler Candida-Stämme, Biofilmbildung, Gewebezerstörung, Umgehen der immunologischen Wirtsabwehr).

Grauzone
Die klinische Bedeutung von Pilzinfektionen der Darmschleimhaut ist unklar. Beziehungen zum Reizdarm sind naheliegend, aber nicht bewiesen. Allergien können durch Pilzbelastung im Darm getriggert (eingeleitet und verstärkt) werden. Angenommen wird auch ein Zusammenhang mit Fibromyalgie.

Fazit: Einmal mehr stellt sich die grundsätzliche Frage, ob alles mit Doppelblindstudien belegt sein muss, um  eine Therapie zu rechtfertigen? Ist es nicht denkbar, sich auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Einschätzungen der Biologen zu berufen und sich im Rahmen der Erfahrungsheilkunde (natürlich auf der Basis einer umfassenden Ursachenforschung und Sorgfaltspflicht) zu bewegen? Bei Patienten mit einer unklaren Symptomatik, bei der Therapeuten in Diagnosestellung und Therapie nicht nachhaltig voranschreiten (gerade bei unklaren, systemischen Beschwerden), ist die Annahme von Pilzen als Ausschlussdiagnose ein denkbarer Ansatz.  Es handelt sich dabei, im Moment noch, um eine Arbeitshypothese. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


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